Drei Jahre nach der Übernahme von Twitter durch Elon Musk und der Umbenennung zu X ist die deutsche Plattform-Landschaft in Bewegung wie selten zuvor. Eine im Frühjahr 2026 veröffentlichte Erhebung der NGO Netzbegrünung in Zusammenarbeit mit der Universität Bremen quantifiziert, was viele in Berlin und Hamburg seit Monaten als Bauchgefühl beschrieben hatten: Auf X wurden zwischen 2024 und 2025 rund 40 Prozent weniger Beiträge aus Deutschland abgesetzt als im Vergleichszeitraum davor. Das Beitragsaufkommen, nicht die Nutzerzahl, ist der präzisere Maßstab - und es zeigt einen klaren Bruch.
Den Großteil dieser entgangenen Reichweite haben zwei Plattformen aufgefangen: Bluesky und Mastodon. Beide gehören zu den dezentralen Alternativen zur klassischen Twitter-Logik, beide sind 2024 und 2025 stark gewachsen, beide haben unterschiedliche Profile entwickelt. Bluesky hat global Ende 2025 die Marke von 40 Millionen Nutzern überschritten - ein Wachstum von gut 33 Prozent allein in diesem Jahr. Mastodon, das föderierte System aus tausenden unabhängigen Instanzen, wächst weniger spektakulär, dafür stabiler.
In Deutschland ist die Verteilung anders, als die globalen Zahlen vermuten lassen. Pro Tag posten auf Mastodon zwischen 8.000 und 10.000 deutschsprachige Accounts mindestens einen Beitrag - Bluesky liegt nach Schätzungen der Netzbegrünung-Studie eher unter 10.000. Das ist eine Marke, die im internationalen Bluesky-Wachstum verloren geht: Deutschland ist nicht der treibende Markt der Plattform. Die wachstumsstärksten Länder für Bluesky sind die USA, Großbritannien und Brasilien. In Deutschland dagegen hält sich Mastodon - getragen von einem Tech-affinen, klar links-progressiven Publikum, das die föderierte Struktur über die geschlossenen Modelle stellt.
Das Beitragsaufkommen von X entspricht mittlerweile in etwa der Summe der Posts auf Mastodon plus Bluesky.
Was diese Zahlen verschleiern, ist die Qualität der Bewegung. X verliert nicht alle Nutzer - es verliert vor allem die journalistisch, politisch und wissenschaftlich aktive Schicht. Redaktionen wie taz, Zeit Online und Tagesspiegel haben in den vergangenen Monaten ihre Bluesky-Profile aufgebaut, ihre Mastodon-Präsenz hochgefahren und die X-Kommunikation reduziert. Politiker der Grünen, der SPD und vereinzelt der Linken haben Bluesky als primäre Plattform übernommen, ohne X komplett zu verlassen. Der Effekt: Auf X dominiert zunehmend ein Sample aus konservativen Stimmen, AfD-affine Kanälen und einem Restbestand klassischer Twitter-Nutzer, der nicht migriert ist.
Eine deutsche Studie, die Telepolis Anfang Mai zusammenfasste, kommt zu einem differenzierteren Ergebnis. Bluesky könne mehr als X - im Sinne von höherer durchschnittlicher Reichweite pro Beitrag, geringerem Beleidigungsanteil und konstruktiverem Diskursverhalten. Was Bluesky aber nicht erreicht, ist die Skalierbarkeit von X-Mainstream-Diskussionen. Wenn ein Thema in Deutschland richtig viral geht - ein politischer Skandal, eine Talkshow-Aussage, eine Sport-Schlagzeile - dann passiert das nach wie vor zuerst auf X. Die anderen Plattformen ziehen nach, oft mit deutlicher Verzögerung.
Für Medienorganisationen ist diese Aufspaltung strategisch belastend. Wer in Deutschland Reichweite haben will, muss auf mindestens drei Plattformen präsent sein - X für die unmittelbare Breaking-News-Reichweite, Bluesky für ein wachstumsstarkes Mittelschichts-Publikum, Mastodon für die tech- und politik-affine Avantgarde. Die zusätzliche Aufwand-Belastung trifft kleinere Redaktionen härter als große. Manche Akteure haben sich entschieden, Bluesky zur Primär-Plattform zu erklären und X nur noch für Krisensituationen zu nutzen - ein Weg, der sich kommerziell rechnet, solange die Bluesky-Reichweite weiter wächst.
Was die kommenden zwölf Monate zeigen werden, ist die Stabilität dieser Aufspaltung. Bluesky ist auf dem Weg, mit der Threads-Plattform von Meta gleichzuziehen - was die deutsche Nutzerschaft betrifft, ist das ein anderes Spielfeld. Threads dominiert nach Pew-Schätzungen den US-Markt, in Deutschland ist Threads weniger relevant. Die deutsche Plattform-Bilanz für 2026 ist daher eine eigene: ein schwächeres, polarisierteres X; ein wachsendes, aber noch nicht dominantes Bluesky; ein stabiles Mastodon mit Stamm-Publikum. Eine Konsolidierung in eine Mehrheitsplattform ist nicht in Sicht.