Am Ahornsteig im Großen Tiergarten haben Unbekannte in der Nacht zu Sonntag den Gedenkbaum für die Opfer des islamistischen Anschlags auf den Christopher Street Day aus der Erde gerissen. Beamte einer Streife stellten die Zerstörung gegen 1.20 Uhr fest, wie die Berliner Polizei mitteilte. Der französische Ahorn, erst vor rund einem Monat als Ersatz für den bei der Tat beschädigten Baum gepflanzt, sowie das umgebende Schutzgitter waren aus dem Boden gerissen, weitere Erinnerungsobjekte am Tatort beschädigt oder zerstört. Der Polizeiliche Staatsschutz beim Berliner Landeskriminalamt hat die Ermittlungen wegen gemeinschaftlicher Sachbeschädigung übernommen; die Formulierung deutet auf mehrere Täter hin.
Es ist bereits der zweite Angriff auf den Erinnerungsort binnen weniger Tage. Anfang der Woche hatten Unbekannte die regenbogenfarbene Gedenkbank am selben Ort schwer beschädigt, wie die Berliner Zeitung berichtet: Die Holzlatten seien mit Gewalt aus dem Metallrahmen gebrochen, die Rückenlehne aus der Verankerung gerissen worden. Die Bank wurde inzwischen zur Reparatur abtransportiert. Dass nun der Staatsschutz die Ermittlungen führt, deutet auf einen mutmaßlich politisch motivierten Hintergrund hin - für gewöhnliche Sachbeschädigungen ist die Abteilung nicht zuständig.
Werner Graf, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, reagierte gegenüber dem RBB mit deutlichen Worten. Er sei „voller Wut und Fassungslosigkeit, aber auch trotzig“, sagte er. Alfonso Pantisano, Queer-Beauftragter des Berliner Senats, nannte die Vorgänge am Tatort gegenüber dem Tagesspiegel „inakzeptabel“. Der SPD-Spitzenkandidat für die Berliner Wahl am 20. September, Steffen Krach, forderte einen dauerhaften Schutz des Erinnerungsorts, notfalls durch eine Videoüberwachung rund um die Uhr.
Wir pflanzen diesen Baum wieder.
Wo der Anschlag begann
Der Bezirk Mitte hatte den Ahorn Ende Juli am ursprünglichen Standort gepflanzt, nachdem der bei der Tat gerammte Baum wegen Bruchgefahr gefällt werden musste. Am 25. Juli hatte der 21-jährige Abdul Ballout einen Kleinbus in die CSD-Parade in Berlin gelenkt und mehrere Menschen angefahren, bevor der Wagen gegen genau diesen Baum prallte. Eine 65-jährige Frau aus Polen starb, mehr als 30 Menschen wurden verletzt. Anschließend griff Ballout mit einer Machete weitere Passanten an. Ein Spezialeinsatzkommando erschoss ihn Stunden später in Berlin-Spandau.
Die Bundesanwaltschaft hatte die Ermittlungen wegen der besonderen Bedeutung des Falls übernommen und stufte die Tat als islamistisch motiviert ein. Nach dem Anschlag sagte der Berliner Senat einen verstärkten Schutz queerer Einrichtungen und Veranstaltungen zu. Zwei Wochen vor der Abgeordnetenhauswahl dürften die erneuten Beschädigungen der Debatte um eine dauerhafte Präsenz von Sicherheitskräften oder technischer Überwachung an dem Gedenkort neuen Auftrieb geben.