Vier Wochen vor dem WM-Auftakt der deutschen Nationalmannschaft am 14. Juni in Houston hat sich der Auftaktgegner einmal mehr neu sortiert. Dick Advocaat, 78 Jahre alt und WM-Veteran zweier Turniere, kehrt als Nationaltrainer von Curaçao zurück. Sein Nachfolger Fred Rutten, erst Anfang 2026 ins Amt gekommen, hat nach zwei verlorenen Testspielen - 0:2 gegen China, 1:5 gegen Australien - seinen Vertrag mit sofortiger Wirkung auflösen lassen.
Der Wechsel ist die zweite Trainerentscheidung der Nationalmannschaft des Karibik-Staates in vier Monaten. Advocaat hatte den Posten Anfang 2026 abgegeben, um seine schwer kranke Tochter zu betreuen. Mit der Verbesserung ihres Gesundheitszustands und nach öffentlichen Forderungen von Spielern und Hauptsponsoren ist seine Rückkehr nun bestätigt. Der Verband habe sich, so die offizielle Begründung, vor dem Hintergrund eines weiteren ungewissen Testspiels in Schottland Ende Mai zur sofortigen Wieder-Einsetzung entschieden.
Es geht weniger um Taktik als um Vertrauen. Vier Wochen vor einer Weltmeisterschaft braucht eine Mannschaft keinen neuen Lehrer.
Advocaat ist eine der letzten Trainerfiguren des europäischen Fußballs, die in den frühen 1990er Jahren begonnen haben. Er führte die Niederlande zur WM 1994, betreute Südkorea bei der WM 2006, und übernahm Curaçao zum ersten Mal 2024. Sein Stil ist altmodisch und in dieser Phase wahrscheinlich genau das, was Curaçao braucht: präzise, defensiv strukturiert, mit klaren Rollenzuweisungen. Was er nicht hat, ist die Zeit, das Spiel grundlegend zu verändern - aber das versucht in dieser Phase ohnehin niemand mehr.
Für die DFB-Elf ändert die Personalie strategisch wenig. Curaçao ist im Vergleich der Gruppe E - Deutschland, Curaçao, Elfenbeinküste, Ecuador - der nominelle Außenseiter; viele Spieler sind in der Türkei, in Indonesien oder in der zweiten englischen Liga aktiv. Was sich ändert, ist die Erwartung an die Kompaktheit der Mannschaft: Unter Advocaat dürfte Curaçao defensiver auftreten als unter Rutten, dessen kurze Amtszeit von offensiveren Spielanlagen geprägt war.
Aus deutscher Perspektive ist der Trainerwechsel beim Auftaktgegner vor allem eine taktische Vorinformation. Julian Nagelsmann wird seinen Kader am 21. Mai bekanntgeben; bis dahin wird das DFB-Trainerteam die Curaçao-Aufstellung unter Advocaat analysieren müssen, statt unter Rutten. Das Curaçao-Spiel am 14. Juni um 21 Uhr Ortszeit im NRG Stadium von Houston bleibt damit ein Auftakt, dessen Drehbuch sich in den letzten 48 Stunden eher gewandelt hat.
Was die Geschichte trotz aller karibischen Kuriosität nicht ist: leicht. Curaçao hat sich als kleinster Verband in der Geschichte der WM-Qualifikation durchgesetzt, gegen Mannschaften, die nominell stärker waren - Trinidad und Tobago, Jamaika, El Salvador. Wenn Advocaat das Selbstvertrauen dieser Mannschaft wieder herstellt, ist die deutsche Aufgabe in Houston nicht offen, aber sie ist auch nicht trivial. Genau diese Mischung ist es, die WM-Auftaktspiele für Favoriten regelmäßig zu Stolperstein-Risiken macht.