Mitte Januar markierte der DAX bei 25.507 Punkten ein vorläufiges Allzeithoch. Vier Monate später, am 12. Mai, pendelt der Index in einer Spanne zwischen 23.900 und 24.200 Punkten. Auf der Headline-Ebene wirkt das wie eine Korrektur nach dem Rekordlauf. Bei genauerem Blick auf die Bewegungen innerhalb des Index zeigt sich aber: was an der Frankfurter Börse passiert, ist weniger ein Rückzug als ein Umsortieren - eine klassische Branchenrotation, die das Marktbild seit Wochen prägt.
Den Rekord-Auftakt 2026 hatten drei Treiber befeuert: die anhaltenden Zinssenkungen der EZB, die mit dem Sondervermögen verbundenen staatlichen Infrastrukturinvestitionen und der Boom bei KI-bezogenen Werten. In dieser Konstellation hatten Titel wie Rheinmetall (Rüstung, getrieben durch europäische Verteidigungsausgaben), Siemens Energy (Strominfrastruktur) und SAP (KI-Anwendungen) die DAX-Spitze gestellt. Siemens Energy etwa erreichte am 24. April ein Allzeithoch bei 188 Euro - ein Plus von rund 19 Prozent allein im April.
Seit Mai-Anfang läuft das Bild anders. Die Sell-in-May-Saisonalität, ein in der Statistik regelmäßig zu beobachtender Effekt schwächerer Sommermonate an europäischen Börsen, fällt diesmal mit zwei externen Stressfaktoren zusammen: einer erneuten Eskalation in Nahost mit entsprechenden Ölpreisanstiegen und einem politischen Vakuum vor dem Treffen zwischen Donald Trump und Xi Jinping in dieser Woche. Hinzu kommt am Freitag der Amtsantritt des neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh, dessen geldpolitische Linie noch nicht final eingepreist ist.
Die Folge ist nicht ein flächendeckender Rückzug, sondern eine defensive Umpositionierung. Aktien aus Energie, Pharma und Spezialchemie - genannt werden BASF und Brenntag - haben in den vergangenen zwei Wochen zugelegt. Rüstung dagegen verliert, mit Rheinmetall an der Spitze des Rotationsverlierers. Auch Gea, ein Industriewert mit starker Asien-Exposition, hat unter den Handelsspannungen gelitten. Anleger reduzieren also nicht das Aktienengagement, sie verschieben es.
Was diese Verschiebung von früheren Korrekturphasen unterscheidet, ist die strukturelle Komponente. Die DAX-Rally der vergangenen 18 Monate war überproportional von wenigen Schwergewichten getragen - Siemens Energy, Rheinmetall, SAP, Munich Re. Eine Umverteilung weg von diesen Spitzenwerten betrifft die Index-Performance unmittelbar, ohne dass eine erkennbare neue Führungsgruppe etabliert ist. Energie- und Pharma-Werte stabilisieren, sie führen aber nicht in die nächste Aufwärtsphase.
Für die heimische Realwirtschaft hat die DAX-Bewegung begrenzte Aussagekraft. Der Index misst seit Jahren in zunehmendem Maße die Geschäftslage global agierender Konzerne, deren Erlöse zu großen Teilen außerhalb Deutschlands generiert werden. Wer auf die Konjunkturlage des deutschen Mittelstands schauen will, schaut auf andere Kennzahlen - etwa den ifo-Geschäftsklimaindex oder die Auftragseingangsdaten des Statistischen Bundesamts.
Wie es weitergeht, hängt diese Woche an drei Datenpunkten: dem Tonfall des Trump-Xi-Treffens, der Auftakt-Kommunikation Warshs am Freitag und an der Frage, ob sich die Ölpreisentwicklung stabilisiert. Wird einer dieser Punkte negativ überraschen, könnte die Mai-Rotation in eine klassische Korrektur kippen. Stabilisiert sich das Umfeld, dürfte der DAX die 24.000er-Marke verteidigen - ein Niveau, das nach dem Januar-Hoch zwar wie ein Rückschritt wirkt, gemessen an der Jahresentwicklung 2025 aber noch immer einen deutlichen Aufwärtstrend bedeutet.