Während DFB-Präsident Bernd Neuendorf und sein Stellvertreter Hans-Joachim Watzke am Freitagnachmittag in New York erwartet werden, um mit Jürgen Klopp die Vertragsdetails der Nagelsmann-Nachfolge auszuhandeln, macht sich in Deutschland eine Front auf, die die Personalie nicht sportlich, sondern strukturell abbürsten will. Das Fanbündnis „Unsere Kurve" und der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger nehmen an diesem Freitag jene Klausel ins Visier, die den Deal überhaupt möglich machen soll: Klopp soll auch als Bundestrainer Werbebotschafter des Red-Bull-Konzerns bleiben.
Der 59-Jährige steht bei Red Bull bis 2029 als „Head of Global Soccer" unter Vertrag. Nach Berichten der Bild-Zeitung ist die favorisierte Lösung aller Beteiligten in den Vorgesprächen, dass der DFB Klopp ablösefrei aus dem Vertrag herauskauft, der Trainer im Gegenzug aber weiterhin die Brause bewirbt. Diese Konstruktion, so das Kalkül der Verhandler, hält die Kosten überschaubar und wahrt Klopps Freiraum. Für die Fanvertreter ist sie das eigentliche Problem.
Wer sich in Mainz und Dortmund bodenständig gab und selbst in Liverpool noch als „the normal one" vorstellte, der passt nicht zum Feind des Volkssports Fußball - dem RB-Konzern.
„Sollte der DFB einen solchen Deal mit Red Bull eingehen, wäre das ein weiterer Kniefall vor dem Kapital", teilte Thomas Kessen, Sprecher des Bündnisses, am Freitag in einer Stellungnahme mit, die Sport1 und ZDFheute verbreiteten. „Anstatt die Besonderheiten des deutschen Fußballs als Stärke zu begreifen und auf diesem Fundament nachhaltig Erfolge zu bauen, strebt man nach schnellen Ergebnissen und ist bereit, mit viel Geld und Integrität dafür zu zahlen." Kessen schloss ausdrücklich aus, die sportliche Eignung Klopps bewerten zu wollen. Es gehe um die Struktur, nicht um die Person.
Sekundiert wurde das Bündnis am gleichen Tag von einer Stimme mit anderem Gewicht. Theo Zwanziger, DFB-Präsident zwischen 2006 und 2012, ging in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung frontal in die Auseinandersetzung. „Bundestrainer haben auch früher schon Geld verdient. Da gab es immer Refinanzierungen über DFB-Sponsoren", sagte Zwanziger. „Aber es muss doch eine Harmonie der DFB-Sponsoren mit den Sponsoren des Bundestrainers bestehen." Genau diese Harmonie sieht der 81-Jährige beim Red-Bull-Konstrukt nicht - im Gegenteil.
Zwanziger sieht doppelte Loyalität
Der frühere Verbandschef unterstellt dem Getränkekonzern eine Agenda, die über klassisches Sponsoring hinausgeht. „Red Bull will Macht gewinnen in den Sport hinein. Durch eine Person mit der neben dem Präsidenten wichtigsten Funktion im deutschen Fußball, vielleicht sogar die allerwichtigste", sagte Zwanziger der FAS. Er beschreibt den offenen Interessenkonflikt so: „Einerseits will Red Bull mit ihm Geld verdienen, andererseits soll er als Bundestrainer die möglichst optimale Leistung für den deutschen Fußball erbringen." Sein Fazit fiel entsprechend hart aus: „Sollte sich dies bewahrheiten, ich kann das noch nicht glauben, wäre es ein völliges No-Go."
Klopps Weg zu Red Bull war 2024 einer der aufsehenerregendsten Konzernwechsel der Trainergilde. Der Konzern betreibt mit RB Leipzig einen Klub, dessen Aufstieg über die 50+1-Regel und dessen Marketingpraxis in den aktiven Fanszenen bis heute als Wesensverstoß gegen das deutsche Vereinsmodell gelten. Klopp selbst hatte sich als Dortmunder Trainer wiederholt gegen den Konzern und dessen Klub in Leipzig positioniert. Diese Diskrepanz zwischen dem Klopp der Bundesliga-Jahre und dem Klopp im roten Bullen-Trikot ist es, an der Kessens Kritik ansetzt - und an der Zwanziger seine Warnung vor der doppelten Loyalität aufhängt.
Watzke sieht Chance „größer als 50 Prozent"
Beim DFB dagegen läuft die Uhr auf Vollzug. Watzke bezifferte die Wahrscheinlichkeit einer Einigung am Montagabend im ZDF mit „größer als 50 Prozent" und sprach vom „Masterplan A" der Verbandsführung. Er nannte zugleich zwei Bremsen: Klopps RB-Engagement und das Gehalt. „Wir haben natürlich unsere Schmerzgrenze", sagte Watzke und stellte einen „leichten Patriotismusabschlag" in Aussicht. Klopps derzeitiges Salär bei Red Bull liegt laut Bild bei rund zehn Millionen Euro pro Jahr - etwa drei Millionen über der bisherigen DFB-Struktur.
In New York wollen Neuendorf und Watzke am Wochenende Klartext hören. Klopp arbeitet dort als WM-Experte für MagentaTV, angebunden an das Sendezentrum in der Nähe von Manhattan. Ein Vertrag bis zur WM 2030 in Spanien, Portugal und Marokko wird angestrebt. Ob dabei die Werbebotschafter-Klausel überlebt oder unter dem Druck der Fanverbände und der eigenen Präsidentenriege fällt, dürfte darüber entscheiden, wie die Klopp-Ära im DFB überhaupt beginnt: als Neuanfang - oder als vorbelasteter Kompromiss.