Wenn am Samstagabend in der Wiener Stadthalle die letzten Tonkurven verklingen, endet eine ESC-Woche, die für die deutsche Delegation in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich ist. Es ist das erste Jahr seit 1996, in dem nicht der NDR die deutsche Teilnahme verantwortet, sondern der Südwestrundfunk. Es ist auch das erste Jahr, in dem nur 35 Länder antreten - die kleinste Teilnehmerzahl seit 2003. Und es ist das Jahr, in dem Sarah Engels, fünfzehn Jahre nach ihrem zweiten Platz bei „Deutschland sucht den Superstar“, Deutschland in Wien vertritt.
Engels' Beitrag heißt „Fire“ und ist seit dem deutschen Vorentscheid am 28. Februar deutlich überarbeitet worden. Der Song beginnt jetzt mit einer Klavier-Ballade, die in die Tanzpop-Originalversion übergeht - eine Veränderung, die nach einer Akustik-Performance im ARD-Morgenmagazin durch das Team von Engels eingebracht wurde. Sie eröffnet ihre Performance liegend auf einer würfelförmigen Bühnenkonstruktion, gefilmt aus der Vogelperspektive, und trägt ein feuerrotes Abendkleid. Die NDR-Tradition, Songs nach dem Vorentscheid kaum zu verändern, ist mit dem Wechsel der Federführung zum SWR gebrochen worden.
Der Wechsel von NDR zu SWR wurde im Januar 2025 verkündet - 30 Jahre, nachdem der Norddeutsche Rundfunk die Federführung 1996 vom MDR übernommen hatte. Die offizielle Begründung verweist auf eine Initiative des NDR, die Rolle abgeben zu wollen, sowie auf Kostendisziplin: SWR-Programmdirektor Clemens Bratzler kündigte an, der Sender werde die Aufgabe ohne zusätzliche Mittel über Umverteilung im Haus und Kooperationen mit anderen ARD-Anstalten stemmen.
Eine große Ehre für mich, Deutschland vertreten zu dürfen.
Der diesjährige Wettbewerb ist in mehrfacher Hinsicht reduziert. 35 Länder treten an, mehrere weniger als 2025 - die niedrigste Teilnehmerzahl seit 2003. Island, Irland, die Niederlande, Slowenien und Spanien fehlen, alle fünf mit Verweis auf den Krieg in Gaza und die fortgesetzte Teilnahme Israels. Zurückgekehrt sind dafür Bulgarien, Moldau und Rumänien. Moldau, vertreten durch den Sänger Satoshi, ging am Dienstagabend als Sieger des Publikumsvotums in das erste Halbfinale - ein Hinweis auf die emotionale Resonanz, die kleinere Länder in einem Wettbewerb mit reduzierter Konkurrenz erreichen können.
Die European Broadcasting Union hat zudem das Abstimmungssystem reformiert. In den Halbfinals werden Jury- und Publikumsstimmen wieder kombiniert, wie zuvor zwischen 2010 und 2022. Die Jurys wurden von fünf auf sieben Mitglieder erweitert, mit verpflichtender Altersdiversität. Die maximale Stimmenzahl pro Zahlungsmethode wurde von 20 auf 10 halbiert. In den offiziellen Wahlhinweisen rät die EBU zudem von „unverhältnismäßigen Promotion-Kampagnen“ ab, insbesondere wenn diese durch oder mit Unterstützung von Regierungen organisiert werden - eine Reaktion auf koordinierte Anrufmuster der letzten zwei Jahre, die mehrfach geopolitische Vorwürfe ausgelöst hatten.
Für Deutschland sehen die Wettbüros keine Spitzenposition vor: Die Quoten verorten den deutschen Beitrag eher im hinteren Mittelfeld als auf dem Podest. Das wäre, gemessen an Deutschlands ESC-Bilanz der letzten Jahre, kein Drama - aber auch keine Wende. Was Engels' Auftritt von früheren deutschen Beiträgen unterscheidet, ist die professionalisierte SWR-Vorbereitung mit externen Branchenproduzenten anstelle einer reinen Sender-Logik. Ob diese Verschiebung in Punkten messbar wird, entscheidet sich am Samstag.
Das Finale beginnt am Samstagabend, übertragen in Deutschland live im Ersten. Sarah Engels singt nicht in einem Halbfinale; als Vertreterin eines Big-Five-Lands ist sie direkt für das Finale gesetzt. Was sie liefert, wird darüber entscheiden, ob die SWR-Federführung als kalkulierte Strategie-Verschiebung gewertet wird - oder als eine weitere Episode in der langen deutschen Geschichte des ESC-Mittelfelds.