In Monza hat am Sonntag ein 20-Jähriger geschafft, worauf Italien 60 Jahre gewartet hat. Andrea Kimi Antonelli gewann den Großen Preis von Italien - und zwar von Startplatz 19. Der Mercedes-Rookie war wegen einer Motorenstrafe ans Ende des Feldes durchgereicht worden, arbeitete sich in 53 Runden durch das gesamte Klassement und überholte auf Runde 50 seinen Teamkollegen George Russell zum Sieg. Dritter wurde Max Verstappen im Red Bull. Es ist der erste Sieg eines italienischen Fahrers beim Heimrennen in Monza seit Ludovico Scarfiotti 1966.
Vor dem Rennen war der Grand Prix schon Gasly-Story: Der Alpine-Pilot hatte am Samstag die Pole Position geholt und George Russell im Qualifying um 0,060 Sekunden geschlagen - die Sensation des Wochenendes. Am Sonntag verlor Gasly früh Positionen und wurde am Ende Siebter. Von seinem Anteil an der Show blieb ein Satz vom Teamchef, der schon am Vorabend fiel: Toto Wolff sah in Antonellis Aufwärtsbewegung durch den Verkehr das Muster, das Ferrari, Red Bull und McLaren nie ganz aufhalten konnten.
Fantastisch und so verdient, du bist unser italienischer Held.
Leclercs Ausflug in die Parabolica
Das Rennen hatte in Runde vier eine erste Zäsur. Charles Leclerc lag auf Rang vier, als er in der Parabolica die Kontrolle über den Ferrari verlor und in die Reifenstapel flog. Die Rennleitung unterbrach mit Roter Flagge. Der Neustart brachte die Karten neu ins Spiel - vor allem für Antonelli, dessen Team die Virtual-Safety-Car-Phase kurz danach für einen kostengünstigen Boxenstopp nutzte. Von da an fuhr der Mercedes-Rookie schnellere Sektorzeiten als das Feld vor ihm, überholte im Mittelfeld Runde für Runde und war am Ende nur noch durch Russell und dessen frische Reifen von der Spitze getrennt.
Toto Wolff analysierte den Sieg nach dem Rennen mit einem Vergleich, den man in Brackley nicht oft hört: „Entscheidend war, dass er durch den Verkehr kam. Wir haben das mit all den Großen gesehen. Lewis hat es bei manchen Rennen getan, das, was er heute gezeigt hat. Es gibt einfach kein Halten, wenn ein Fahrer und ein Auto eins sind, die kannst du nicht aufhalten.“ Der Verweis auf Lewis Hamilton, der in seiner Zeit bei Mercedes ähnliche Auffahrjagden fuhr, sagt viel darüber, wie das Team seinen 20-jährigen Fahrer inzwischen einordnet. Antonelli führt die WM nach Monza mit 66 Punkten Vorsprung auf Russell an - der Puffer entspricht drei kompletten Rennen.
Historische Aufholjagd
Für Italien ist der Sieg mehr als ein Rennergebnis. Seit Scarfiottis Erfolg 1966 im Ferrari 312 hatte kein italienischer Pilot mehr in Monza gewonnen - Kimi Räikkönens 2018er-Sieg im Ferrari zählte sportlich, aber nicht national. Antonelli fährt für Mercedes, nicht für die Scuderia, was der Emotion am Streckenrand keinen Abbruch tat. Die Tribünen der Parabolica-Kurve, in der wenige Stunden zuvor Leclerc verunglückt war, blieben bis zum Ende voll. Antonelli fuhr auf der Auslaufrunde am Tifosi-Sektor vorbei, dann ins Parc fermé.
Die Aufholjagd von P19 auf P1 ist statistisch die zweitgrößte in der Geschichte der Formel 1. Für Mercedes ist es der zweite Doppelsieg der Saison, für Verstappen nach seinem eigenen Startproblem am Freitag ein solider dritter Platz. Lando Norris und Oscar Piastri lieferten sich in der Schlussphase ein internes McLaren-Duell, das beinahe in einer Berührung geendet hätte - am Ende sortierten sie sich auf den Rängen vier und fünf ein, Hamilton wurde Sechster. Ferrari verlässt Monza mit Ausfall, roten Flaggen und ohne Podium. Nächste Woche geht es weiter in Baku.