Am Donnerstag um 22 Uhr MESZ stößt das WM-Viertelfinale in Boston an, und die Ausgangslage kennen beide Trainerbänke sehr genau. Frankreich und Marokko haben zuletzt vor dreieinhalb Jahren gegeneinander gespielt, im Halbfinale von al-Chaur, das Frankreich mit 2:0 gewann und Marokko als erste afrikanische Mannschaft auf einen vierten WM-Platz führte. Diesmal wird im Gillette Stadium gespielt, mit ARD-Übertragung ab 21 Uhr - und mit einer Rechnung, die auf marokkanischer Seite noch offen ist.
Frankreich reiste über den bequemeren Weg an. Nach neun Punkten in der Gruppe und einem 3:0 gegen Schweden im Achtelfinale genügte gegen Paraguay ein umstrittener Mbappé-Elfmeter in der 70. Minute zum 1:0. Trainer Didier Deschamps dürfte am Donnerstag dieselbe Elf aufbieten, die im Philadelphia-Achtelfinale rannte: Maignan im Tor, Koundé, Upamecano, Saliba und Digne in der Viererkette, im Zentrum Koné und Rabiot, davor Dembélé, Barcola und Olise - mit Kylian Mbappé als Einzelspitze. Der Kapitän hält bei drei Toren in der K.-o.-Runde, das Team bei 14 Turniertreffern - Bestwert, punktgleich mit Marokkos Gegner Kanada.
Marokko dagegen ist der einzige verbliebene afrikanische Teilnehmer und in den regulären 90 Minuten noch ungeschlagen. Nach Remis gegen Brasilien und Erfolgen gegen Schottland und Haiti setzte sich das Team im Achtelfinale gegen die Niederlande erst im Elfmeterschießen durch. Im Viertelfinal-Coup folgte ein deutliches 3:0 gegen Gastgeber Kanada, bei dem der Frankfurter Azzedine Ounahi doppelt traf. Was fehlt, ist ausgerechnet der beste Turniertorschütze: Sommer-Neuzugang des FC Bayern Ismail Saibari fällt mit Muskelbeschwerden aus, drei Tore im Turnier, das ist ein Verlust, den Trainer Mohamed Ouahbi kompensieren muss.
Marokko ist eines der besten Nationalteams der Welt.
Ouahbi setzt Selbstvertrauen an die Stelle des Personalausfalls. „Wir müssen daran glauben, Weltmeister werden zu können“, sagte der Trainer vor der Partie und rückte in seinem Kader vor allem den 18-jährigen Ayyoub Bouaddi in den Fokus. Der Mittelfeldspieler des OSC Lille, in einem Pariser Vorort geboren und noch im März als U21-Kapitän für Frankreich aufgelaufen, hat sich im Mai für Marokko entschieden - eine Personalie, die diese Viertelfinal-Ansetzung symbolisch auflädt. „Er ist erst 18, aber sehr ruhig und ausgeglichen, jemand, der bereits enorm viel Erfahrung besitzt“, sagte Ouahbi über den Neuzugang. Bouaddi selbst gibt sich sachlich: „Im Moment konzentriere ich mich ausschließlich auf die Weltmeisterschaft.“
Wo das Duell entschieden wird
Auf dem Feld verspricht die Partie ein Duell der Ansätze. Deschamps' Elf setzt auf schnelle Umschaltmomente über die Flügel, Dembélé und Olise sollen die marokkanischen Aussenverteidiger Achraf Hakimi und Nayef Aguerd binden, dahinter dirigiert Aurélien Tchouaméni das Mittelfeld. Marokko baut auf die Defensivstabilität, die Ounahi und Sofyan Amrabat im Zentrum liefern; nur gegen Brasilien kassierte das Team im Turnier ein Gegentor aus dem Spiel heraus. Der Frankfurt-Legionär Ounahi ist nach dem Kanada-Doppelpack im Wettkampfmodus, sein Trainer wird ihn in die Rolle des Hauptangreifers rücken müssen.
Der Kontext dieser Partie geht über 90 Minuten hinaus. Marokko war 1912 französisches Protektorat geworden und wurde 44 Jahre später wieder unabhängig; bis heute leben nach französischen Behördenzahlen bis zu zwei Millionen Menschen marokkanischer Herkunft in Frankreich. Rund um das Halbfinale von 2022 zog die französische Polizei landesweit rund 10.000 Beamte für den Abend zusammen. In Boston werden am Donnerstag die Ordnungskräfte etwas gelassener sein - der sportliche Einsatz ist es nicht. Für Marokko geht es um das erste WM-Halbfinale nach dem historischen von 2022, für Frankreich um die Bestätigung, dass Deschamps' Elf im zweiten Anlauf nach dem verlorenen Endspiel in Katar den Titel zurückholen kann.