Um 12 Uhr Ortszeit rollt in Houston der Ball, in Deutschland ist es dann 19 Uhr. Wenn Kanada im NRG Stadium auf Marokko trifft, ist das für den Co-Gastgeber ein historischer Termin: Zum ersten Mal in seiner WM-Geschichte steht das Team in einer K.-o.-Runde. Auf der anderen Seite läuft ein Halbfinalist von 2022 auf, der seit 33 Länderspielen ungeschlagen ist und in dieser WM bislang noch keinen Rückstand aufgeholt hat, weil er nie einen hatte.

Kanada zog am vergangenen Sonntag durch ein 1:0 gegen Südafrika ins Achtelfinale ein, den Treffer erzielte Vize-Kapitän Stephen Eustaquio in der Nachspielzeit. 11,2 Millionen Menschen sahen die Partie im Fernsehen, laut Globe and Mail das meistgesehene Nicht-Finale in der Fußball-Geschichte des Landes. Marokko musste tags darauf gegen die Niederlande über die volle Distanz gehen: 1:1 nach Verlängerung, dann setzten sich die Nordafrikaner im Elfmeterschießen durch. Ismaila Saibari, der im Sommer zum FC Bayern wechselt, verwandelte den entscheidenden Elfmeter.

„Ein Team ohne Schwächen“

Kanadas Trainer Jesse Marsch, in Salzburg und Leipzig gereift, hat vor dem Spiel nicht viel Interesse an Understatement. Marokko sei „ein Team, das buchstäblich keine Schwächen hat“, sagte er gegenüber MLSSoccer.com. Die Vorbereitung habe sich angefühlt „wie ein blutiger, grausiger Albtraum“. Was er damit sagen will: Kanada geht als klarer Außenseiter in ein Spiel, in dem der Gegner in jeder Zone Weltklasse-Personal aufstellen kann. Achraf Hakimi rechts hinten kommt vom französischen Meister und Champions-League-Sieger Paris Saint-Germain. Torwart Yassine Bounou, in Montreal geboren, hielt bei der WM 2022 gegen Spanien zwei Elfmeter, gegen die Niederländer nun einen weiteren.

Trotzdem tritt Kanada nicht als Statist an. Alphonso Davies, Kapitän und Linksverteidiger des FC Bayern, hat die Vorrunde nach seinem Kreuzbandriss aus dem Vorjahr sichtlich als Motor beendet. Vor ihm im Mittelfeld ordnet Eustaquio, hinter ihm halten die 20 Jahre alten Innenverteidiger Luc de Fougerolles und Moïse Bombito bislang die Balance mit dem Routinier Derek Cornelius. Rechtsverteidiger Alistair Johnston, der die Marokkaner schon aus Katar 2022 kennt, hat sich in den Vordergrund gespielt: „Ich möchte nach dieser WM in den Spiegel schauen und sagen können, dass wir alles hinausgelassen haben“, sagte er dem Verband. „Ich sage den Jungs seit Tagen: Spielt das Spiel, nicht den Anlass.“

Marokko ist ein Team, das buchstäblich keine Schwächen hat.
- Jesse Marsch, Trainer Kanadas, gegenüber MLSSoccer.com

Der Trainer, der die WM eigentlich nicht führen sollte

Auf der marokkanischen Bank sitzt Mohamed Ouahbi, nicht Walid Regragui. Der Halbfinal-Trainer von 2022 hatte gut drei Monate vor Turnierbeginn seinen Rücktritt eingereicht, Ouahbi übernahm aus der U23. Die Sorge, dass ein neuer Mann eine gewachsene Struktur zerlegen würde, hat sich nicht bestätigt: In den drei Vorrundenspielen holte Marokko sieben Punkte, gegen Brasilien reichte es zum 1:1, gegen Schottland und Haiti zu Siegen. Gegen die Niederlande zeigte die Elf, was sie schon in Katar auszeichnete: kompaktes Verteidigen, Konter über Hakimi, mentale Ruhe im Elfmeterschießen. Historisch spricht wenig für Kanada: In vier Aufeinandertreffen mit Marokko gab es nie einen Sieg, das beste Ergebnis war ein 1:1 in Montreal 1994.

In Deutschland überträgt das ZDF live, MagentaTV zeigt die Partie zusätzlich in 4K. Sportlich rangiert Marokko in der FIFA-Weltrangliste weit vor dem Gastgeber, wettbewerblich dürfte der Gegner die Partie kontrollieren wollen. Kanada wird deshalb versuchen, das umzudrehen, was am Anlass groß ist: die Kulisse, die Erwartung, die Möglichkeit, in einem Land, das erst seit dieser WM auf Fußball blickt, ein Kapitel zu schreiben, das später jemand nachschlagen wird.