Bei einem russischen Kombiangriff auf Kiew sind in der Nacht zum Montag mindestens neun Menschen getötet und 24 verletzt worden. Der Chef der Militärverwaltung Tymur Tkatschenko sagte, die Rettungsarbeiten liefen weiter und die Opferzahl könne noch steigen. Kurz nach 01:40 Uhr Ortszeit begann die erste von drei Angriffswellen, weitere folgten laut Berichten des Tagesspiegels um 02:10 und 03:15 Uhr.

Am schwersten getroffen wurde der historische Stadtteil Podil. Dort schlugen Raketen oder Drohnenschutt in vier Gebäude ein, ein Wohnhaus stürzte zwischen dem siebten und neunten Stockwerk teilweise ein. Bewohner blieben eingeschlossen. Bürgermeister Vitali Klitschko schrieb auf Telegram, Rettungskräfte hätten 15 Menschen aus dem eingestürzten Teil geborgen. Aus dem Haus habe man zwei Leichen geholt, weitere Bewohner würden vermisst.

Im östlich gelegenen Rajon Darnyzja tötete herabstürzender Drohnenschutt zwei Menschen in einem 25-stöckigen Wohnblock, in einem benachbarten Hochhaus mit 30 Stockwerken brach Feuer aus. In den Vororten Butscha, Wyshhorod und Browary wurden nach Behördenangaben Wohnhäuser und Gewerbeobjekte beschädigt. Dort kam laut Pravda Deutsch mindestens ein weiterer Mensch ums Leben, zehn wurden verletzt.

Die ukrainische Luftwaffe zählte 68 Raketen und 351 Drohnen. Die Flugabwehr fing nach eigenen Angaben 37 Raketen und 326 Drohnen ab, das entspricht einer Abschussquote von rund 90 Prozent. Trotzdem reichten die durchgekommenen Waffen aus, um alle zehn Stadtbezirke beidseits des Dnipro zu beschädigen. Die polnische Luftwaffe stieg über der Grenzregion präventiv auf, wie sie am Morgen mitteilte.

Timing vor dem Ankara-Gipfel

Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte den Großangriff Stunden zuvor angekündigt. Auf X schrieb er, das Muster entspreche „ganz Putins Art - direkt nach dem amerikanischen Unabhängigkeitstag und vor dem Nato-Gipfel in Ankara“. Russland wolle „mehr Bösartigkeit bringen und Menschen töten“. Beim Bündnisgipfel am 7. und 8. Juli soll der ukrainische Präsident US-Präsident Donald Trump am Mittwoch persönlich treffen. Auf der Tagesordnung steht auch die in Den Haag beschlossene neue Zielmarke, wonach die Alliierten bis 2035 fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Verteidigung und Sicherheit stecken sollen.

Jede Verzögerung bei der Lieferung von Raketen für unsere Flugabwehr und die Patriot-Systeme kostet Menschenleben und ermutigt Russland, den Krieg fortzusetzen.
- Wolodymyr Selenskyj, ukrainischer Präsident

Es ist der zweite Großangriff auf Kiew binnen weniger Tage. In der Nacht zum Donnerstag hatte Russland die Hauptstadt mit knapp 500 Drohnen und 74 Raketen belegt, mindestens 30 Menschen starben damals, rund 130 Gebäude wurden beschädigt. Selenskyj hatte im Anschluss telefonisch bei Bundeskanzler Friedrich Merz um zusätzliche Munition für die von Deutschland gelieferten Patriot-Systeme geworben. Konkrete neue Lieferzusagen nannte Berlin danach nicht. Auf dem Ankaraer Gipfel dürfte die Frage der Abfangraketen erneut auf den Tisch kommen.