Der DFB verliert nicht nur seinen Bundestrainer. Wenige Stunden nach dem Rücktritt von Julian Nagelsmann kündigte am Freitag auch Sportgeschäftsführer Andreas Rettig seinen Rückzug an. Der 63-Jährige teilte den Aufsichtsräten und Gesellschaftern des Verbands per Videokonferenz mit, dass er seinen zum 31. Dezember 2026 auslaufenden Vertrag nicht verlängern werde. Der Zeitpunkt fällt mitten in den größten Personalumbruch, den der DFB seit Jahren erlebt hat.
Rettig selbst betonte, sein Rückzug hänge nicht mit dem historischen WM-Aus im Achtelfinale gegen Paraguay zusammen. „Das ist keine Entscheidung, die mit dem Turnier in Zusammenhang steht“, sagte er nach übereinstimmenden Angaben von t-online und ZDFheute in der Sitzung. DFB-Präsident Bernd Neuendorf sei bereits vor Turnierstart informiert worden. Man habe damals verabredet, „damit keine unnötige Unruhe entsteht, das nicht zu kommunizieren“, zitierte ihn ZDFheute. Als Grund nannte Rettig persönliche und familiäre Gründe.
Neue Weichen müssen gestellt werden, und das sollte nicht der Geschäftsführer machen, der geht.
Rettig war im September 2023 an die Frankfurter DFB-Spitze gerückt, als Nachfolger von Oliver Bierhoff. Zuvor hatte er die Deutsche Fußball Liga geführt und war als Manager in Köln, Freiburg und Augsburg beschäftigt. Beim DFB galt er als kritischer Kopf, der die kommerzielle Ausrichtung des Verbands mit skeptischem Blick betrachtete. Seine Amtszeit fiel in eine turbulente Phase: die Rückkehr Rudi Völlers als Sportdirektor, die Nagelsmann-Berufung, die EM 2024 im eigenen Land - und nun das frühe Aus in Nordamerika.
Der Aufsichtsrat tagt weiter
Am Freitagmorgen hatten sich Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung per Videoschalte zusammengefunden, um über die Konsequenzen des WM-Aus zu beraten. Auf der Tagesordnung standen laut t-online auch die Zukunft von Sportdirektor Rudi Völler und Rettig selbst. Am Vortag hatten Neuendorf, Völler, Rettig und Ligaverbands-Chef Hans-Joachim Watzke Nagelsmann in einem dreieinhalbstündigen Krisengipfel den Rücktritt nahegelegt. Nagelsmann hatte den Termin ohne Zusage verlassen und erst am Freitag eingelenkt.
Wer die Nachfolge Rettigs antritt, ließ der Verband am Freitag offen. Der scheidende Geschäftsführer kündigte in seinem Statement an, seine Aufgaben bis zum Jahresende „normal weiter wahrzunehmen“. Strategische Weichenstellungen wolle er aber seinem Nachfolger überlassen. Die Suche nach einem Sportgeschäftsführer läuft damit parallel zu den Verhandlungen mit Jürgen Klopp, der Nagelsmann als Bundestrainer beerben soll. Der DFB-Präsident hatte am Donnerstag bereits erklärt, Klopp habe grundsätzliche Bereitschaft signalisiert.
Für den Verband bedeutet der doppelte Abgang einen Neustart auf zwei Ebenen zugleich. Neuendorf muss binnen weniger Monate eine neue sportliche Führungsstruktur zimmern, während im Hintergrund die Aufarbeitung des WM-Debakels läuft. Rettig selbst zeigte sich bei seiner Abschiedserklärung sachlich. Der DFB werde die kommenden Monate „stabil“ arbeiten können, so der Geschäftsführer laut Sportschau-Liveblog. Von einem Zusammenhang mit dem Foxborough-Aus wollte er weiter nichts wissen.