In einer Mutter-Kind-Einrichtung in Stade hat ein 45-jähriger Mann am Montagmittag sechs Mitarbeitende erschossen. Vier Frauen und zwei Männer starben in dem Heim an der Dankersstraße in der niedersächsischen Hansestadt westlich von Hamburg. Fünf Opfer wurden noch am Tatort tot aufgefunden, ein sechstes erlag wenig später im Krankenhaus seinen Verletzungen, wie die Staatsanwaltschaft Stade bestätigte. Alle Toten waren Beschäftigte des privaten Trägers oder des Jugendamts Hannover, das die Einrichtung nutzt.
Auslöser der Tat war nach Erkenntnissen der Polizei ein Sorgerechtsstreit um die drei Monate alte Tochter des mutmaßlichen Schützen. Für Montag war an dem Standort ein Termin angesetzt, zu dem nach Angaben der Stader Polizeipräsidentin Kathrin Schuol mehrere der späteren Opfer geladen waren. Die 34-jährige Mutter des Kindes lebte in der Einrichtung. Sie und das Baby blieben nach Polizeiangaben unverletzt und werden seither geschützt.
Der mutmaßliche Täter, ein in Deutschland geborener Mann mit türkischen Wurzeln aus dem Raum Hannover, war den Behörden vorher bekannt. „Es lagen Erkenntnisse wegen Bedrohung vor, aber er galt nicht als absolut gewalttätig“, sagte Schuol bei einer Pressekonferenz am Dienstag. Eine waffenrechtliche Erlaubnis besaß er nicht, die Herkunft der Tatwaffe ist nach Angaben der Ermittler noch unklar.
Festnahme auf der B73 nach Schüssen auf Reifen
Nach der Tat flüchtete der Mann in einem Mercedes, am Steuer saß eine 65-jährige Frau, die nach Polizeiangaben enge familiäre Bindungen zum Schützen hat. Beamte stoppten den Wagen an einer Kontrollstelle bei Haddorf auf der Bundesstraße 73, nachdem sie die Reifen beschossen hatten. Beide Insassen wurden festgenommen, der Haftrichter sollte am Dienstag über Untersuchungshaft entscheiden. Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) sprach von einer „extrem kaltblütigen Gewalttat“ ohne politischen oder wirtschaftlichen Hintergrund. Die Polizei stuft den Fall als Beziehungstat ein, einen terroristischen Hintergrund schloss sie aus.
Viele Menschen, die helfen und schützen wollten, haben ihr Leben verloren oder wurden verletzt. Mein Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Angehörigen.
Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte auf X, ihn erschütterten die Nachrichten aus Stade „bis ins Mark“, und dankte den Einsatzkräften für ihr schnelles Eingreifen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigte sich „zutiefst erschüttert über das Ausmaß an Gewalt an einem Ort, der eigentlich Schutz bieten soll“. Auch der Deutsche Kinderschutzbund und die Diakonie reagierten betroffen, Mitarbeitende der Jugendhilfe seien in einem ohnehin belastenden Arbeitsfeld zusätzlich Risiken ausgesetzt.
Die Ermittlungen führt eine eigens eingerichtete Mordkommission. Über einen Hinweisportal-Eintrag sucht die Polizei Zeuginnen und Zeugen, die rund um die Dankersstraße oder die Fluchtroute Beobachtungen gemacht haben. In Stade gelten am Dienstag in Schulen und in der Verwaltung verkürzte Beflaggung und Gesprächsangebote. Wie es mit der Mutter-Kind-Einrichtung weitergeht, ist offen; das Haus bleibt vorerst geschlossen.