Tidal zieht im Streit um KI-generierte Musik die Reißleine. Der Streamingdienst, der seit 2021 zum US-Zahlungskonzern Block Inc. gehört, schüttet ab Montag, 29. Juni 2026, keine Tantiemen mehr für Tracks aus, die er als vollständig KI-erzeugt einstuft. Ab dem 15. Juli werden solche Songs zusätzlich mit einem sichtbaren „AI“-Hinweis versehen, und die Plattform beginnt damit, KI-Imitationen bekannter Künstler automatisch zu entfernen. Die Regeln gelten auch für Tidal Upload, das Self-Service-Portal für unabhängige Musikerinnen und Musiker. Berichtet hat darüber zuerst Music Business Worldwide am Montag.

„Tidal ist nicht hier, um den technologischen Fortschritt zu verteufeln“, sagte Tony Gervino, Executive Vice President und Editor-in-Chief, in der Mitteilung. „Aber unsere Postfächer werden mit Musik überflutet, die komplett KI-generiert ist und bestehende Künstler imitiert.“ Es gehe darum, „organische Kreativität“ der eigenen Nutzerschaft zu schützen. Konkret heißt das: Vollständig KI-erzeugte Uploads erhalten keine anteiligen Einnahmen aus dem Auszahlungstopf des Dienstes, und sie sind auch von Direktverkäufen über die Fan-Plattform ausgeschlossen, wie Variety zusammenfasst.

Die Zahlen, mit denen Tidal seinen Schritt begründet, stammen vom französischen Konkurrenten Deezer: Dort werden inzwischen rund 75.000 vollständig KI-generierte Songs pro Tag hochgeladen - über 44 Prozent aller Neuzugänge. Bis zu 85 Prozent der Streams auf solchen Tracks hatte Deezer 2025 als betrügerisch eingestuft, weil sie über Klick-Farmen aufgebläht wurden. Andere Anbieter reagieren unterschiedlich: Spotify testet einen KI-Hinweis in den Songcredits und hat nach eigenen Angaben über 75 Millionen Spam-Tracks gelöscht, Apple Music verlässt sich auf die Angaben von Labels und Distributoren, der Hi-Fi-Streamer Qobuz hat ähnlich wie Deezer ein eigenes Erkennungssystem aufgesetzt, schreibt Music Business Worldwide.

Unsere Postfächer werden mit Musik überflutet, die komplett KI-generiert ist und bestehende Künstler imitiert.
- Tony Gervino, EVP und Editor-in-Chief Tidal

Was die Regel für deutsche Independents bedeutet

Für deutsche Bedroom-Produzentinnen und Indie-Acts, die ihre Veröffentlichungen über Tidal Upload monetarisieren, sind die Folgen zunächst überschaubar: Wer einen Track menschlich einspielt, singt oder programmiert, fällt nicht unter die neue Regel - auch dann nicht, wenn KI-Werkzeuge im Mastering, beim Sounddesign oder beim Stem-Splitting helfen. Tidal will den „AI“-Tag vorerst nur an Stücke vergeben, die zu hundert Prozent von einer KI generiert sind. Sobald die Erkennungstechnologie zuverlässiger werde, sollen auch „substantially AI-generated“ Werke gekennzeichnet werden, kündigte das Unternehmen an. Die Richtlinie sei ein „living document“, also offen für Anpassungen, wie TechCrunch hervorhebt.

Der Schritt fällt in eine Phase, in der die GEMA und ihre internationalen Schwesterorganisationen Druck auf die Streamingdienste machen, KI-Generate sauber von menschlich erschaffener Musik zu trennen. Eine vollständig EU-weite Lösung steht aus: Der AI Act schreibt Transparenz bei KI-Inhalten vor, regelt aber Tantiemen nicht. Tidal positioniert sich mit der Demonetisierungsregel ausdrücklich als Gegenpol zur unverbindlichen Selbstauskunft, auf die etwa Apple Music setzt, und reiht sich neben Deezer und Qobuz in das Lager der Plattformen ein, die auf eigene Detektion bestehen. Für die rund 60.000 deutschen Tidal-HiFi-Kundinnen und -Kunden ändert sich an Tarif und Katalog nichts - allenfalls beim Algorithmus, der KI-Spam künftig nicht mehr versehentlich auf die persönlichen Mixe schiebt.