Der Kieler U-Boot-Bauer Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) hat den größten Rüstungsauftrag seiner Firmengeschichte an Land gezogen. Kanadas Premierminister Mark Carney verkündete am Dienstag in Halifax, Ottawa habe sich in einer Vorentscheidung für bis zu zwölf U-Boote der deutsch-norwegisch entwickelten Klasse 212CD entschieden. Die Ankündigung erfolgte einen Tag vor dem Beginn des Nato-Gipfels im türkischen Ankara und wurde dort am Mittwoch von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) offiziell begrüßt.
Für Boote und Wartung veranschlagt Ottawa rund 20 Milliarden Euro, über die Laufzeit inklusive Betriebskosten kommen laut kanadischer Regierung bis zu 100 Milliarden kanadische Dollar zusammen, umgerechnet etwa 62 Milliarden Euro. Merz sprach in Ankara von „einem der größten, wenn nicht dem größten Rüstungsauftrag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“, wie t-online meldete. Kanzler und Premier stellten den Deal als Fundament einer neuen Nordatlantik-Achse dar.
Gemeinsam werden wir die weltweit größte und modernste konventionelle U-Boot-Flotte aufbauen.
Pistorius rechnete vor, wie sich die 24 Boote der Klasse 212CD verteilen: sechs für die Deutsche Marine, sechs für Norwegen und zwölf für Kanada. Zugleich warnte er vor verfrühter Euphorie. „Wir dürfen uns nicht zurücklehnen. Jetzt geht es darum, die Verträge fertig zu machen“, zitierte t-online den SPD-Politiker. Die endgültigen Verhandlungen mit Ottawa dürften nach Einschätzung der Wirtschaftswoche sechs bis 18 Monate dauern, die erste Auslieferung ist frühestens für 2033 vorgesehen, vier Boote sollen bis 2034 in Dienst gehen.
Produktion in Kiel und Wismar
Gebaut werden die Boote laut TKMS-Chef Oliver Burkhard vollständig in Deutschland. Neben dem Stammsitz in Kiel soll auch die zweite Werft in Wismar in Mecklenburg-Vorpommern die Fertigung übernehmen. Nach Angaben der Landesregierung könnten dort bis zu 1500 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. TKMS beschäftigt insgesamt rund 9100 Menschen. Die 72 Meter langen Boote mit 30 Mann Besatzung sind für den Einsatz in arktischen Gewässern konzipiert und verfügen über einen brennstoffzellenbasierten außenluftunabhängigen Antrieb, wie er bereits die Klasse 212A der Deutschen Marine antreibt.
Carney begründete die Entscheidung strategisch. „Mittelmächte wie Kanada streben durch Partnerschaften mit gleich gesinnten Staaten nach größerer strategischer Autonomie“, erklärte der Premier in Halifax. „Nirgendwo wird dies deutlicher als auf unseren Meeren und in der Arktis.“ Kanada betreibt derzeit vier U-Boote britischer Bauart, von denen nur eines einsatzbereit ist. Der Ausbau der Flotte ist Teil einer Neuausrichtung Ottawas, das seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus offen europäische Partner sucht.
Nato-Gipfel im Schatten Trumps
Der Zuschlag traf den Nato-Gipfel in Ankara in aufgeheizter Stimmung. US-Präsident Donald Trump zeigte sich bei seiner Ankunft „sehr enttäuscht“ von den Bündnispartnern und drohte laut ZDFheute erneut mit einem Abzug amerikanischer Truppen aus Europa. Nato-Generalsekretär Mark Rutte kündigte parallel ein Fünf-Jahres-Programm über mehr als 40 Milliarden Dollar für Drohnenabwehr an. Für TKMS und die Kieler Region ist der Auftrag dennoch ein Signal: Der Konzern setzte sich gegen den südkoreanischen Wettbewerber Hanwha Ocean durch, der laut Wirtschaftswoche eingestand, „die Barriere des Nato-Bündnisses“ nicht überwinden zu können.
An der Börse blieb die Euphorie überschaubar. Die TKMS-Aktie legte im vorbörslichen Handel rund sechs Prozent zu, schloss laut finanzen.net am Ende des Tages jedoch drei Prozent im Minus bei 90,50 Euro. Rheinmetall gab um 1,63 Prozent nach, Hensoldt legte 0,92 Prozent zu. Für die politisch Verantwortlichen zählt vorerst die Symbolik. Merz nannte den Deal ein „starkes Zeichen für die transatlantische und die europäische Zusammenarbeit“, das Kanada, Deutschland und Norwegen „für Jahrzehnte“ verbinde.