Der Machtkampf zwischen UEFA und FIFA um den Fall Folarin Balogun hat sich am Dienstag weiter zugespitzt. Am Montagmorgen hatte die europäische Konföderation in einer offiziellen Mitteilung erklärt, die Aufhebung der Rot-Sperre gegen den US-Stürmer habe „eine rote Linie überschritten“. Am Dienstag reagierte der FIFA-Weltverband nach Informationen des Portals Absolutfussball mit einer 13 Punkte umfassenden Verteidigung seiner Disziplinarkommission - just an dem Tag, an dem der Gastgeber USA in Seattle 1:4 gegen Belgien verlor und aus dem eigenen Turnier flog.
Der Ton aus Nyon war ungewohnt scharf. „Die gestrige Entscheidung, die Umsetzung der automatischen Sperre für ein Spiel nach der Roten Karte für den Spieler Folarin Balogun für eine Probezeit von einem Jahr auszusetzen, hat eine rote Linie überschritten“, teilte die UEFA am Montag mit. „Wir bringen unsere Fassungslosigkeit angesichts einer solch beispiellosen, unverständlichen und ungerechtfertigten Entscheidung zum Ausdruck.“ Der britische Guardian wertete die Mitteilung als „Kriegserklärung“ an die FIFA-Spitze um Gianni Infantino, der Telegraph titelte am Dienstagmorgen: „Gianni Infantino muss weg“.
Ich bin mit UEFA einig, dass dieser Vorgang nicht zu den Akten gelegt werden darf.
DFB-Präsident Bernd Neuendorf, der als UEFA-Vertreter im FIFA-Rat sitzt, stellte sich noch am Montagabend hinter die europäische Position. „Ich bin mir mit der UEFA einig, dass dieser Vorgang nicht zu den Akten gelegt werden darf, zunächst aber unter den europäischen Fußballverbänden weiter besprochen werden muss“, teilte Neuendorf mit. Bereits am Vortag hatte er die Aufhebung der Sperre als „aktive Einflussnahme der Politik auf den Sport“ bezeichnet, die „zügig und schlüssig ausgeräumt“ werden müsse. Wie die Sportschau in einem Kommentar von Benjamin Best erinnert, sitzt Neuendorf für rund 250.000 US-Dollar Jahresvergütung im FIFA-Rat - was die Wucht seiner Kritik in Berlin auch innerhalb des Verbandes zum Politikum macht.
Drei Wege, Infantino zu stürzen
Wie realistisch ein Sturz des FIFA-Präsidenten wäre, hat der Sender Ran am Dienstag in einer Analyse skizziert. Drei Wege seien denkbar: eine Suspendierung durch die FIFA-Ethikkommission wegen Verstoßes gegen den Ethikkodex, wie sie 2015 Sepp Blatter traf; eine Abwahl beim FIFA-Kongress 2027, für die im ersten Wahlgang 141 der 211 Stimmen und im zweiten 106 Stimmen nötig wären; oder ein freiwilliger Rückzug. Die Wahlvariante gilt als unwahrscheinlich, weil die Konföderationen aus Südamerika (CONMEBOL), Afrika (CAF) und Asien (AFC) hinter dem 56-Jährigen stehen. Auch ein Rücktritt gilt intern als ausgeschlossen: Infantino hat die Nähe zu US-Präsident Donald Trump zuletzt bei mehreren Besuchen im Oval Office demonstriert und schrieb sein System aus Konzern-Sponsoring, Confederations-Loyalität und politischer Zugänglichkeit systematisch aus.
Der Auslöser bleibt der Sonntagabend, als die Disziplinarkommission die Ein-Spiel-Sperre gegen Balogun auf ein Jahr Bewährung setzte. Vorausgegangen war laut übereinstimmenden Berichten der New York Times und AP ein Anruf Trumps bei Infantino. Auf Truth Social bedankte sich der Präsident bei der FIFA, „ein großes Unrecht behoben“ zu haben. Balogun stand am Dienstag in Seattle in der Startelf, blieb ohne Torbeteiligung, die USA verloren durch einen Doppelpack von Charles De Ketelaere und Treffer von Hans Vanaken und Romelu Lukaku deutlich. Belgien trifft im Viertelfinale am Samstag auf Spanien.
England und Frankreich prüfen Präzedenzfälle
Für Infantino wird der Vorgang auch deshalb schwerer beherrschbar, weil die Entscheidung im Fall Balogun einen Präzedenzfall geschaffen hat. Wie Absolutfussball berichtet, prüfen die Verbände von England und Frankreich derzeit Einsprüche gegen Sperren eigener Spieler - mit direktem Verweis auf den amerikanischen Fall. Das dürfte die Debatte in den kommenden Tagen zusätzlich befeuern; das nächste Achtelfinale mit europäischer Beteiligung, Portugal gegen Spanien in Dallas, steht am Mittwoch an. Auf einer Pressekonferenz vor dem Duell wollte sich Spaniens Trainer Luis de la Fuente am Dienstag zu der UEFA-Mitteilung nicht direkt äußern, verwies aber auf die „Integrität des Wettbewerbs“, die durch die Bewährungspraxis „nicht mehr gewährleistet“ sei.
Die Kernfrage aus Sicht der europäischen Verbände formulierte die UEFA am Montag selbst: Wenn die Verlässlichkeit der Regeln nicht mehr gewährleistet sei durch jene, die sie durchsetzen sollen, stehe die Integrität des Spiels und die Glaubwürdigkeit eines Wettbewerbs auf dem Spiel. Bernd Neuendorf will die Beratungen der europäischen Fußballverbände über den Fortgang „in den nächsten Tagen“ beginnen. Am Freitag tagt in Berlin das DFB-Präsidium - dass der Fall Balogun dort auf der Tagesordnung stehen wird, gilt als sicher.