Zwölf Tage nach dem schweren Doppelbeben in Venezuela hat die Regierung die Zahl der bestätigten Todesopfer auf 3.342 nach oben korrigiert. Auf der Plattform X teilte der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, mit, es gebe zudem rund 16.740 Verletzte; mehr als 17.000 Menschen hätten durch die Katastrophe ihr Zuhause verloren. Wie wir am 1. Juli berichteten, lag die offizielle Opferzahl damals noch bei rund 1.900 - sie hat sich seither fast verdoppelt.

Zur Zahl der Vermissten machte die Regierung keine Angaben. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen könnte sie bei bis zu 50.000 Menschen liegen. Zwei Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 hatten das Land am 24. Juni erschüttert, gefolgt von schwächeren Nachbeben. Besonders schwer betroffen ist der Küstenbundesstaat La Guaira. Nach bisherigen Erkenntnissen wurden 190 Gebäude komplett zerstört und mindestens 856 weitere stark beschädigt, darunter mehrere Krankenhäuser.

Angst vor Nachbeben, Wut auf die Regierung

In Palos Grandes, einem besonders schwer getroffenen Stadtteil von Caracas, meiden viele Bewohner ihre Wohnungen aus Angst vor Nachbeben. Im Wohnhaus, das der Hauswart Julio betreut, halten sich der tagesschau zufolge derzeit nur noch acht von 35 Familien auf. „Ich kann zwar nachts schlafen, aber wenn es nur die kleinste Vibration gibt, dann schrecke ich auf“, zitiert der Sender den Hauswart. Nur wenige Blocks weiter ist der 14-stöckige Hochhauskomplex „Petunia“ komplett eingestürzt.

Diese Tragödie hat einmal mehr gezeigt, dass wir keine Regierung haben.
- Ein Hauswart in Caracas, zitiert in der tagesschau

In der Bevölkerung wächst die Wut über eine als schleppend und unzureichend empfundene Reaktion der Behörden. Überlebende und Hilfsorganisationen werfen dem Krisenstab Ineffizienz vor: Schweres Gerät zur Trümmerbeseitigung fehle, weshalb Rettungsarbeiten in weiten Teilen von Freiwilligen und ausländischen Helfern getragen würden. Neben venezolanischen Einsatzkräften suchen unter anderem Teams aus den USA, Jordanien und weiteren Staaten nach Verschütteten; US-Marines des Miami-Dade Urban Search and Rescue Teams sind seit Ende Juni in La Guaira im Einsatz.

Interimspräsidentin Delcy Rodríguez verteidigte das Vorgehen der Regierung in einer Rede zum 215. Unabhängigkeitstag am Wochenende. Sie habe umgehend Sicherheitskräfte entsandt und kündigte an, eine neue Militäreinheit für den Umgang mit Katastrophen aufzustellen. Zeit Online spricht in einer Analyse von „kleinen Wundern“ bei den Rettungseinsätzen und einer wachsenden politischen Krise: Vor einer repressiven Reaktion der Behörden scheine kaum noch jemand Angst zu haben. Oppositionsführerin María Corina Machado hatte zuvor angekündigt, aus dem Untergrund an die Öffentlichkeit zurückzukehren.

Es fehle nicht nur an schwerem Gerät, sondern auch an Medikamenten und Psychologen für traumatisierte Kinder, berichten Hilfsorganisationen. Die venezolanische Regierung hat bislang keinen Zeitplan genannt, wann die Rettungsphase offiziell abgeschlossen und in eine Wiederaufbauphase übergehen soll.