Wie wir gestern berichteten, tagte der Volkswagen-Aufsichtsrat am Donnerstag in Wolfsburg über den verschärften Sparkurs von Konzernchef Oliver Blume. Ergebnis der mehrstündigen Sitzung: Das Kontrollgremium billigte Blumes „Zukunftsplan 2030“ mit zwölf strategischen Initiativen, verschob die entscheidende Frage nach den vier gefährdeten deutschen Werken aber auf einen späteren Termin. Betriebsratschefin Daniela Cavallo verließ die Sitzung offen wütend.

„Es reicht! Das Fass ist zum Überlaufen gekommen“, sagte Cavallo nach der Sitzung. „Der Umgang des Vorstands mit der Belegschaft ist an Respektlosigkeit nicht mehr zu überbieten.“ Sie forderte Blume auf, sich an diesem Freitag persönlich vor die Beschäftigten zu stellen und die Zukunft der Standorte klar zu benennen. Nach Angaben der Neuen Westfälischen kritisierte die Betriebsratschefin, das Management verhandele „über die Köpfe der Belegschaft hinweg“.

Blume selbst bewertete das Ergebnis dagegen als Etappensieg. „Wir machen den Volkswagen-Konzern schneller, robuster und wettbewerbsfähiger: durch weniger Komplexität, fokussierte Technologien“, ließ sich der Vorstandschef zitieren. Die im Zielbild angelegten Zahlen bleiben schmerzhaft: Bis zu 50 Prozent weniger Modelle, bis zu 75 Prozent weniger Ausstattungsvarianten, eine Zielproduktion von neun Millionen Fahrzeugen im Jahr statt zwölf Millionen wie vor der Pandemie. Bis zu 100.000 Stellen sollen laut Manager Magazin weltweit wegfallen, doppelt so viele wie bisher offiziell geplant.

Der Umgang des Vorstands mit der Belegschaft ist an Respektlosigkeit nicht mehr zu überbieten.
- Daniela Cavallo, VW-Betriebsratschefin

Vier Werke in der Schwebe

Ob die Werke in Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm tatsächlich schließen, blieb nach der Sitzung ausdrücklich offen. Wie das Handelsblatt berichtet, wurden die „besonders umstrittenen Fragen zunächst zurückgestellt“. Wahrscheinlich fällt eine Entscheidung erst auf der nächsten Sitzung nach der Sommerpause, spätestens im September. In den vier Werken arbeiten nach Angaben der IG Metall zusammen rund 40.000 Beschäftigte.

Politisch ist die Vertagung ein zweischneidiges Ergebnis. Für die Landesregierung in Niedersachsen, die über 20 Prozent an Volkswagen hält, verschafft sie Zeit. Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hatte im Vorfeld deutlich gemacht, dass eine Schließung von Emden oder Hannover politisch kaum durchsetzbar sei. Für die Belegschaft bedeutet die Verschiebung aber vor allem Wochen weiterer Ungewissheit. Die IG Metall hatte am Donnerstag zeitgleich zur Sitzung an mehr als fünfzehn deutschen Standorten Kundgebungen abgehalten. Gewerkschaftschefin Christiane Benner sprach von einem „klaren Signal an das Management: Nicht mit uns.“.

Die politische Rechnung

Zwischen den Zeilen der Aufsichtsratssitzung ist erkennbar, dass Blume mit dem gebilligten Rahmenplan zwar seine strategische Autorität behauptet hat, aber die entscheidende Härte gegen Belegschaft und Länderbank nicht durchsetzen konnte. Die 2024 vereinbarte Reduktion um 50.000 Stellen läuft weiter, mehr als 37.000 Beschäftigte haben nach Konzernangaben inzwischen Aufhebungsverträge unterzeichnet. Der Vorstand kann den Umbau bis September ohne neue Werksschließungen fortführen - danach steigt der Druck, konkrete Namen zu nennen. Dass Cavallo bereits jetzt öffentlich mit einem Ultimatum arbeitet, deutet an, dass die Auseinandersetzung im Herbst nicht kleiner wird.